Industrie 4.0: eine Chance für den Mittelstand

Das Schlagwort Industrie 4.0 hat durch die Cebit 2016 erneut an Dynamik gewonnen und ist momentan das Thema in den Medien, auf Veranstaltungen und bei Kongressen, an dem es kein Vorbeikommen gibt. Mit der Vision einer völlig neuen Art wirtschaftlicher Produktion, die durch eine durchgängige Digitalisierung und eine stärkere innerbetriebliche sowie überbetriebliche Vernetzung geprägt ist, setzen sich immer mehr Unternehmen auseinander.

Vor dem Hintergrund der ökonomischen Herausforderungen in Deutschland und Europa stellt sich die Frage nach der Bedeutung von Industrie 4.0 für den Mittelstand. Was unter dem Begriff Industrie 4.0 zu verstehen ist und welche Chancen und Herausforderungen das Thema für mittelständische Unternehmen mit sich bringt, zeigt der nachfolgende Beitrag.

Industrie 4.0 – begriffliche Annäherung

Der Begriff Industrie 4.0 wurde erstmals zur Hannover Messe im Jahr 2011 als prägendes Element der Hightech-Strategie der Bundesregierung geprägt. Die Namensgebung ist angelehnt an die vorausgegangenen industriellen Revolutionen; Industrie 4.0 stellt demnach den nächsten Meilenstein der industriellen Entwicklung dar, der sich in einer Umwelt aus zunehmender Komplexität, gesteigerter Dynamik, individualisierten Anforderungen und erhöhtem Kostendruck bewegt.

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Die vier Stufen industrieller Revolutionen (Quelle: Industrie 4.0 – Volkswirtschaftliches Potenzial für Deutschland, Bitkom Studie)

Konkret beschreibt der Begriff Industrie 4.0 die Digitalisierung im Produktionssektor und damit die Verzahnung der Produktion mit modernster Informations- und Kommunikationstechnik bis zu dem Endziel einer Maschine-zu-Maschine-Kommunikation.

Dieser Digitalisierungsprozess ist durch starke Anpassungen und Individualisierungen der Produkte (bis hinunter zu Losgröße 1) sowie dem Rückgriff auf das Internet der Dinge (IoT) sowie das Internet der Dienste im Rahmen von Produktion und Fertigung gekennzeichnet.

Die Vision der Industrie 4.0 ist das Resultat der durch die Digitalisierung getriebenen, veränderten Anforderungen an Betriebe und an die industrielle Produktion sowie Resultat aus dem steigenden Druck auf Unternehmen kostengünstig zu produzieren.

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWI) beschreibt das Szenario einer Fabrik der Industrie 4.0 folgendermaßen:

Intelligente Maschinen koordinieren selbstständig Fertigungsprozesse, Service-Roboter kooperieren in der Montage auf intelligente Weise mit Menschen, (fahrerlose) Transportfahrzeuge erledigen eigenständig Logistikaufträge. Industrie 4.0 bestimmt dabei die gesamte Lebensphase eines Produktes: Von der Idee über die Entwicklung, Fertigung, Nutzung und Wartung bis hin zum Recycling.

Obwohl sich immer mehr Unternehmen mit Industrie 4.0 auseinandersetzen, wird das Thema primär durch große Unternehmen getrieben. Kleinere Unternehmen können weniger mit Industrie 4.0 anfangen; auch die Investitionsbereitschaft für Industrie 4.0 Anwendungen ist geringer.

Dass Industrie 4.0 auch für den Mittelstand eine hohe Relevanz besitzt, zeigt ein Blick auf die Potenziale, die aus der Implementierung von Industrie 4.0 Anwendungen resultieren können.

Effizienzsteigerung und Kostenreduktion als Chance von Industrie 4.0 Anwendungen

Die vierte industrielle Revolution ist für den Standort Deutschland ein wichtiger Faktor, um die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. So bieten Industrie 4.0 Anwendungen Chancen in primär zwei Bereichen: Steigerung der Effizienz und Reduzierung von Kosten.

Das meiste Verbesserungspotenzial wird bei der Steigerung der Effizienz gesehen. So können Industrie 4.0 Technologien genutzt werden, um Lieferzeiten zu reduzieren und so eine schnellere Belieferung von Märkten zu erzielen. Auch kann die Servicequalität erhöht werden, indem Informationen/Daten, die während des Produktionsprozesses erhoben werden, direkt an die Kunden weitergegeben werden können und so Mehrwerte zu liefern. Als Beispiel gelten frühzeitige Verspätungsmeldungen für ein bestimmtes Produkt.

Erwarteter quantitativer Nutzen von Industrie 4.0-Anwendung (Quelle: Industrie 4.0, Studie von PWC)

Neben der Effizienzsteigerung werden vor allem auch Kostenreduktionen in nahezu allen kostenrelevanten Bereichen der Herstellung durch Industrie 4.0 Technologien erwartet. So können Material- und Fertigungskosten durch effizienteren Materialeinsatz und eine verbesserte Anlagennutzung gesenkt werden. Weiter können durch eine verbesserte Nutzung der Daten die Bestände optimiert und dadurch Bestandskosten reduziert werden.

Eine Befragung unter Führungskräften 235 deutschen Unternehmen unterschiedlicher Größen aus 5 Branchen spiegelt diese Annahmen im Hinblick auf eine höhere Produktions- und Ressourceneffizienz durch Industrie 4.0 Anwendungen wider. Hiernach erwarten die befragten Unternehmen in den nächsten 5 Jahren einen spürbaren quantitativen Nutzen aus den geplanten Investitionen in Industrie 4.0-Anwendungen.

Über alle Branchen hinweg versprechen sich die Unternehmen eine durchschnittliche Effizienzsteigerung durch Industrie 4.0 in Höhe von 18%. Im Hinblick auf die Kostenreduktion erwarten die befragten Unternehmen durch Industrie 4.0 jährliche Einsparungen in Höhe von zusätzlich 2,6% über die üblichen Kosteneinsparungen hinaus.

Um diese Potenziale durch den Einsatz von Industrie 4.0 Anwendungen zu heben, müssen einige Grundlagen geschaffen werden.

Big Data und Data Analytics als Schlüsselelemente

Die größte Relevanz für die Erschließung der erwähnten Potenziale, die die Einführung von Industrie 4.0 Anwendungen bietet, liegt in der Erfassung, Konsolidierung und Auswertung von Daten; ein Aufgabenspektrum, welches in einigen Unternehmen bereits als eigener Funktionsbereich strategisch fest verankert ist.

Neben der Herausforderung große Datenmengen zusammenzutragen liegt der Schwerpunkt besonders auch auf dem Thema Data Analytics in enger Verknüpfung mit unterschiedlichen Fachbereichen, also der intelligenten, gleichzeitig vergangenheits-, gegenwarts- und zukunftsbezogenen Auswertung von Datenmengen, um auf dieser Grundlage Prognosen und Handlungsempfehlungen ableiten zu können.

Zusammenfassung

Das Thema Industrie 4.0 wird von mittelständischen Unternehmen noch nicht als dringlich angesehen. Einige Unternehmen stehen noch am Anfang, andere wiederum haben bereits die ersten Schritte umgesetzt. Das Thema Industrie 4.0 wird aber zukünftig weiter an Relevanz gewinnen, auch weil die Potenziale im Rahmen von Effizienzsteigerung und Kostenreduzierungen nicht von der Hand zu weisen sind.

Durch die Umsetzung von Industrie 4.0 Anwendungen kann der Mittelstand somit seine Wettbewerbsfähigkeit stärken. Es dürfte also höchste Zeit sein, entsprechende Vorhaben auf den Weg zu bringen.

Voraussetzung ist allerdings, dass Industrie 4.0 als Strategie im Unternehmen verankert und entsprechend im Management angesiedelt wird. Dabei sollten die Unternehmen unbedingt auf ein integriertes Vorgehen achten, das alle relevanten Geschäftsbereiche und Schnittstellen berücksichtigt. Zudem muss die Funktion der Datenanalyse auf- bzw. ausgebaut und ein solides Datengerüst geschaffen werden, um hier den Grundstein für Industrie 4.0 Anwendungen zu legen.

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